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Schülerwettbewerb 2008 Philosophie,
3. Preis



Für den folgenden Beitrag zum 8. Schülerwettbewerb St. Ursula 2008 wurde Anna-Maria Novak, Jahrgangsstufe 11, der dritte Preis im Fach Philosophie verliehen.



Anna-Maria Novak: Was ist das Böse?



Das Böse



1992 Ohio: Jeffrey Dahmer wird für den Totschlag an 15 Menschen zur lebenslangen
      Haftstrafe verurteilt. Zwischen 1978 und 1991 bringt er bevorzugt Homosexuelle und
      Prostituierte um, schändet ihre Leichen und verzehrt sie anschließend.

1996 New Jersey: Die Studentin Amy Grossberg und ihr Freund Brian Peters schlagen ihrem
      neugeborenem Kind den Schädel ein und werfen es in einen Abfallcontainer.

2001 Birmingham: Ein 44-jähriger Mann ersticht am hellichten Tag ein junges Mädchen, das
      zum Sonnenbaden mit ihrer Freundin im Park liegt.

South Carolina: Eine Mutter schnallt ihre beiden jungen Kinder in ihren Wagen und versenkt
      diesen in einem Fluss... Ihr neuer Freund wollte sie, aber nicht ihre Kinder...

Der Serienmörder Jeffrey Dahmer, der Kannibalismus und Nekrophilie praktizierte, wurde von den Geschworenen in Milwaukee für schuldig erklärt, unter der Schlussfolgerung, dass er nicht verrückt, sondern böse sei.
Da stellt sich doch die Frage, wie das Gesicht des Bösen aussieht. Es ist nicht der rotäugige Hannibal Lecter, wie man ihn u.a. im Schweigen der Lämmer sieht. Eher der Jugendliche auf dem Sportplatz, der alte Mann von nebenan, das Mädchen an der Kasse, der Professor in der Universität. Mit anderen Worten: Es sieht aus wie du und ich.
Erschreckend ist nicht nur die Tatsache, dass solche grausamen Ereignisse immer öfter vorkommen. Die Zahl der 16-Jährigen, die in den USA wegen Mordes festgenommen wurden, ist von 1985 bis 1991 um 158% gestiegen und die der 12-Jährigen um 100%. Erschreckend ist ebenso, dass wir bei der Erklärung solcher Ereignisse ein Problem haben. Wir können sie gar nicht mehr einordnen.
Was man früher das Böse nannte, wird jetzt nicht nur irgendwie erklärt, es besteht sogar die Gefahr, dass man es „wegerklärt“.
Durch immer wieder neue Erkenntnisse der Sozialwissenschaften, Psychologie, Neurologie und Verhaltenswissenschaften bekommen wir neue, berechenbare Ursachen für das Phänomen, das man das Böse nennt. Können wir auf Grund dessen denn ehrlich sagen, dass es das Böse im moralischen Sinne noch gibt? Ist es nicht eher so etwas wie eine Krankheit?
Es Folgt ein kurzer Ausblick auf verschiedene Möglichkeiten, wie wir das Böse in dieser Welt verstehen könnten.
An erster Stelle sei hier der Materialismus erwähnt. Damit ist die Ansicht gemeint, dass alles ausschließlich im Rahmen materieller Ursachen und Wirkungen verstanden werden muss.
Alles was es gibt, ist das Ergebnis von unpersönlichem, blindem Zufall. Es gibt keinen großen Geist, der hinter dem Universum steht; es gibt auch keinen letztgültigen Sinn – nur bloße Mechanik.
Unsere Vorstellungen von „richtig und falsch“ basieren nicht auf irgendeinem objektiven, universellen Maßstab, sondern im besten Fall auf einer evolutionären Entwicklung, die das überleben der Art sicherstellen soll. Eine Gesellschaft, die gut geordnet ist und in der die Menschen aufeinander Rücksicht nehmen, wird eher die Bedingung bieten, die für das überleben der Art - die Weitergabe unseres genetischen Materials an die nächste Generation - günstig sind, als eine Gesellschaft, in der Chaos und Schlächterei herrschen.
Nehmen wir einen Augenblick lang an, dass diese Beschreibung der Wirklichkeit richtig sei.Was dann? Dann befänden wir uns in einem Universum, in dem es keine festen moralischen Standards gäbe. Jemand, der das mit bemerkenswerter Klarheit erkannt und in seinen Schriften ausgedrückt hat, war der französische Schriftsteller Marquis de Sade.
Wenn die Natur alles ist, was es gibt, so argumentierte er, dann ist alles, was es gibt, auch richtig. Es gibt kein „Sollen“ - keiner hat das Recht zu sagen, dass man bestimmte Dinge nicht tun oder lassen sollte, weil sie richtig oder falsch seien. Alles Moralische bricht in sich zusammen und es bleiben bloße Fakten - an die Stelle des „Sollen“ tritt das, was „ist“. Im Falle von de Sade führte das dazu, dass er seine Grausamkeit auslebte, die ihn sexuell erregte.
In „Justine oder Die Leiden der Tugend“ schrieb er: „Da die Natur uns (die Männer) stärker gemacht hat, können wir mit ihr (der Frau) machen, was wir wollen.“ Das tat er auch und daher stammt unser Wort „Sadismus“.
An dieser Stelle wäre vielleicht einzuwenden, dass doch die Gesellschaft festlegt was „richtig und falsch, akzeptables und unakzeptables Verhalten“ ist.
In diesem Fall würde ich dagegen halten: Welche Gesellschaft denn? Die Nazi-Gesellschaft? Die Menschenfresser-Gesellschaft? Wenn ich dem Materialismus Glauben schenken darf, dann ist die Gesellschaft ja selbst nur das Ergebnis des blinden, sinnlosen Zufalls und deshalb haben ihre so genannten Urteile letztlich auch keine Bedeutung. Oft geht es nur darum, dass die Mächtigen den anderen ihren Willen aufzwingen.
Tatsächlich war es nach de Sade Friedrich Nietzsche, der Philosoph, der erkannte, dass Macht alles ist, was übrig bleibt, wenn „Gott tot ist“. Einst beschrieb er sich selbst als den „Unmoralischen“, den „Antichristen“. In seinem Werk „Der Wille zur Macht“ schrieb er:
„Die Welt ist der Wille zur Macht – und nichts anderes! Und ihr selbst seid auch dieser Wille zur Macht – und nichts anderes. Und wer Macht hat ist im Recht.“
Aber die überzeugung, dass es außerhalb von uns selbst keine moralischen Maßstäbe gibt und dass die Natur alles ist, was es gibt, lässt manche in eine andere Richtung gehen, die schwer zu widerlegen ist, wenn wir den Gedanken konsequent weiter denken wollen.
Ingrid Newark, die ehemalige Vorsitzende von „Menschen für ethischen Umgang mit Tieren“, verglich das Essen von Fleisch mit dem Holocaust der Nazis. Sie sagte: „Sechs Millionen Juden starben in Konzentrationslagern, aber in Schlachthöfen sterben sechs Milliarden Hühner.“
Wenn wir nichts anderes sind als das Resultat blinden, sinnlosen Zufalls, kann man dagegen streng genommen wenig einwenden. Wir sind vielleicht komplexer als Hühner, aber wer sagt, dass Komplexität wertvoller ist als ihr Gegenteil? Die Evolution? Wohl kaum, denn die ist ein unpersönlicher Auslese-Mechanismus und kann keine moralischen Urteile abgeben. Diese Sicht zwingt uns aber, die Frage zu stellen, woher unser moralisches Empfinden, welches uns das so genannte Böse erkennen lässt, denn dann kommt.
Jemand, der diese Frage im Rahmen streng materialistischen Denkens beantworten wollte, ist der kanadische Philosoph Michael Rose. In seinem Buch „Taking Darwin Seriously“ schreibt er:
„Das Entscheidende an der Moral (...) ist, dass sie eine Anpassung darstellt, durch die wir über unsere normalen Wünsche, Sehnsüchte und ängste hinausgehen können, sodass wir sozial mit anderen Menschen umgehen. In einem gewissen Sinne ist die Moral daher eine kollektive Illusion, die unsere Gene uns vorgaukeln. Aber: Die Illusion besteht nicht in der Moral selbst, sondern in ihrer vermeintlichen Objektivität.“
Er will also sagen, dass Moral immer mit dem Gefühl des „Sollens“ verbunden ist. Daher kommt ihre überzeugungskraft. Aber es gibt keine objektive Begründung für dieses „Sollen“, weil es keinen Gott gibt, keine jenseits verankerten Werte. Unsere Gene machen uns nur etwas vor. Durch „gegenseitigen Altruismus“, wie Rose es nannte, sollen sie das überleben der Art sicherstellen.
Wenn ich anderen helfe, hat das für mich auch nur Vorteile: Wenn ich zum Beispiel sehe, dass jemand zu ertrinken droht, springe ich ins Wasser und zieh ihn heraus. Eines Tages wird dann vielleicht jemand für mich dasselbe tun. Oder das Ganze funktioniert auf Grunde der „Selektion für Angehörige“: Für unsere Blutsverwandten fühlen wir uns mehr verantwortlich, weil das die Weitergabe unserer Gene sichert. Aber wenn man Moral einfach als einen Selbsterhaltungsmechanismus verstehen will, den die Evolution erfunden hat – also als einen Trick, der uns vorgaukeln will, wir hätten einen Wert, obwohl wir in Wirklichkeit keinen haben (ein kaltes, unpersönliches Universum kennt nun einmal keine Werte), dann funktioniert das nur, wenn wir nicht merken, dass es ein Trick ist, wenn wir glauben, dass es gut und böse, richtig und falsch wirklich gibt. Aber wenn wir die Täuschung einmal durchschaut haben, können wir uns von der vermeintlichen Moral verabschieden und sagen: „Wenn es mir Spaß macht zu töten, dann töte ich eben. Wen interessiert das überleben der Art? Wir töten Ratten, die Dinosaurier haben auch nicht überlebt und wenn das Universum nicht weint, warum sollte ich auch nur eine Träne vergießen?“ Auf diese Weise geht der Schuss nach hinten los und der „Kniff“ der Evolution hat sich selbst ausgetrickst. Nun ist es sinnvoll, seine Ansprüche an sein Gewissen zu überhören.
Manche allerdings, wie Richard Dawkins, der Vorkämpfer des Atheismus, geben offen zu, dass es nur eine Möglichkeit gibt, das Problem des Bösen zu lösen: indem man ganz einfach bestreitet, dass es das Böse gibt. Deshalb schreibt er: „In einem Universum, das von blinden physischen Kräften und der Weitergabe der Gene beherrscht wird, wird es manchen Menschen schlecht ergehen, andere haben Glück. Irgendeinen Sinn oder Gerechtigkeit gibt es dabei nicht. Das beobachtbare Universum hat genau die Eigenschaften, die zu erwarten wären, wenn es letztlich keinen Plan, keine Absicht, nichts Böses und nichts Gutes gäbe. Nichts als blinde, mitleidlose Gleichgültigkeit.
Die DNS weiß von nichts, kümmert sich um nichts. Und wir tanzen nach ihrer Pfeife.“ Dawkins denkt ganz konsequent: Das ist alles was uns übrig bleibt, wenn es keinen Gott gibt – kein Sinn, keine Werte. Aber können wir damit leben? Können wir uns vorstellen, einer vergewaltigten Frau zu sagen, dass ihr Peiniger nur nach der Pfeife seiner DNS getanzt hat? Oder den überlebenden von Auschwitz zu sagen, dass ihre Folterer lediglich den Anweisungen ihres Erbguts gefolgt sind? Man kann für jeden Glauben eine Begründung finden, sogar für den Glauben an den Atheismus, aber nicht mit jedem Glauben kann man auch leben.
Manchmal benutzen Atheisten die Existenz des Bösen als Argument gegen den Glauben an Gott. Ein Wissenschaftler, für den das ein Problem darstellte, war der frühere Atheist C. S. Lewis. Er schrieb: „Mein Argument gegen Gott war, dass das Universum so grausam und ungerecht schien. Aber woher nahm ich meine Vorstellung von gerecht und ungerecht? Man könnte nicht von einer krummen Linie sprechen, wenn man nicht vorher schon irgendeine Vorstellung davon gehabt hätte, wie eine gerade Linie aussieht. Womit verglich ich dann das Universum, wenn ich es ungerecht nannte? (...) Ich hätte natürlich meine Vorstellung von Gerechtigkeit aufgeben können; ich hätte sagen können, sie sei einfach nur meine ganz persönliche Idee. Aber wenn ich das getan hätte, dann wäre auch mein Argument gegen Gott zusammengebrochen – denn dieses Argument hing ja davon ab, dass man die Welt wirklich als ungerecht bezeichnen könnte, dass ich ihr also nicht bloß den Vorwurf machte, dass sie nicht meinen persönlichen Wünschen entspricht.“ Aber wie will man dann das Gute erklären wenn es keinen Maßstab für das Böse gibt?
Damit kommen wir zum nächsten Erklärungsversuch für das Böse, dem Realismus.
In dem Film „Pulp Fiction“ von Quentin Tarantino gibt es eine wichtige Szene, in der die beiden Hauptfiguren, Vincent und Jules, unterwegs sind, um einige Auftragsmorde zu begehen. Während sie so lachend und entspannt durch Los Angeles gondeln, vergnügen sie sich mit scheinbar belanglosem Geplauder. Sie unterhalten sich darüber, wie man in Frankreich Hamburger nennt. „Royal mit Käse“, lachen sie. Damit wird ein kluger und wichtiger Gedanke ausgedrückt. Die Bezeichnung für die Dinge hängen von der Kultur ab. Die Wörter sind nur das Resultat kultureller übereinkunft, nichts, keine Tat, hat seinen Wert aus sich selbt.Wir entscheiden, wie wir es nennen wollen.
Der eine nennt es „Viertelpfünder mit Käse“, der andere „Royal mit Käse“.
Der eine nennt es „Mord an Wehrlosen“, der andere „Durchsetzung der überlegenen Rasse“. Wer entscheidet, was böse ist? Was dem einen sein Uhl ist, ist dem anderen sein Nachtigall.
Alles ist relativ. Doch diese Form von Relativismus würde bedeuten, dass Moral eine Art Geschmackssache wäre. Ich mag Milch, du magst Fleisch. Hitler mag Menschen umbringen, ein anderer mag sie retten. Wer kann sagen, was besser ist? Wenn es nichts Absolutes gibt, dann kann man nicht sagen, dass eine Moral besser oder schlechter sei als irgendeine andere. Sie sind dann bloß verschieden. Wenn wir uns schon den überzeugungen des Materialismus oder des Relativismus anschließen – warum dann nicht auch konsequent sein und statt von Krankheit, von einer Abweichung der Norm sprechen? Thomas Harrison hat die Frage nach dem Bösen in seinem Buch „Das Schweigen der Lämmer“ mit brutaler Ehrlichkeit gestellt. In diesem Buch wird davon berichtet, dass der Massenmörder Hannibal Lecter, der seine Opfer auffrisst, im Gefängnis Besuch von der jungen FBI-Agentin Clarice Starling bekommt. Sie hofft, dass sein Hintergrundwissen ihr helfen kann, einen anderen Massenmörder zur Strecke zu bringen. Ein Teil ihres Gesprächs verläuft folgendermaßen:
„Welchen Grund könnte ich überhaupt haben, mit ihnen zusammen zu arbeiten?“, fragt Lecter. „Neugier?“, entgegnet Agent Starling. „Auf was?“ „Darauf, warum sie hier sind. Was mit ihnen passiert ist.“ „Mit mir ist gar nichts passiert, Agent Starling. Ich bin passiert. Sie können mich nicht auf ein paar Umwelteinflüsse reduzieren. Sie setzen Behaviourismus an die Stelle von Gut und Böse, Agent Starling... Niemand hat je an irgendetwas Schuld. Sehen sie mich an, Agent Starling. Können sie sagen, dass ich böse bin? Bin ich böse, Agent Starling?“
Das Verständnis des Bösen hat sich gewandelt. Von der theologisch verstandenen „Sünde“ definiert zum gesetzlichen „Verbrechen“ und von da zur „Krankheit“, die nur noch psychologisch gedeutet wird. Aber wenn unser falsches Verhalten auf nichts anderes als genetische Anlagen und Umwelteinflüsse reduziert wird - „Es war nicht meine Schuld Herr Richter, meine Drüsen sind schuld.“ -, dann verschwindet auch jegliches Verständnis für Verantwortung.
„Ich kann nichts dafür, dass ich humple, also kann ich auch nichts dafür, wenn ich eine Neigung zum Kannibalismus habe!“ Damit sind wir wieder bei de Sade angekommen, der ein Determinist war: „Die Natur hat mich größer gemacht als eine Frau, ich füge Frauen gerne Schmerzen zu, ich kann es tun, also tue ich es auch.“ Aber wenn das Böse, das ich tue, von Kräften verursacht wird, die ich nicht kontrollieren kann, warum dann nicht auch das Gute? Und wenn ich für alles Schöne materialistische Gründe angebe, dann macht uns das im Grunde weniger menschlich. Im Grunde sind wir dann nur noch biologische Maschinen.
Anders beispielsweise beim Plädoyer für verminderte Zurechnungsfähigkeit, wenn ich etwas unter dem Einfluss von Drogen oder Hypnose tue. Selbst diese verminderte Verantwortung setzt echte Verantwortung voraus. Einer Maschine kann man es jedoch nicht vorwerfen, wenn sie nicht mehr richtig funktioniert, einem Menschen dann auch nicht. Wenn wir uns selbst als Maschinen sehen, die von der Natur programmiert wurden, dann werden wir uns bald auch gegenseitig wie Maschinen behandeln. Wenn eine Maschine kaputt ist und nicht mehr repariert werden kann, schmeißt man sie weg. Warum nicht auch genauso beim Menschen? Damit öffnen wir die Tür weit für Euthanasie, auch gegen den Willen der Betroffenen. Ganz tief in uns wissen wir jedoch intuitiv, dass es das Böse gibt und das wir für unser Tun verantwortlich sind. Wenn uns jemand aus Versehen einen Stoß gibt und wir die Treppe hinunterfallen, dann gefällt uns das zwar nicht und vielleicht denken wir dann, dass der andere ungeschickt war, aber böse sind wir ihm nicht, nicht im Sinne eines moralischen Vorwurfs. Aber wenn jemand absichtlich versucht uns eine Treppe hinunter zu stoßen, dann sind wir ihm böse. Warum? Wir glauben, dass man so etwas nicht tun darf, dass es nicht in Ordnung, nicht richtig ist. Man sollte anders handeln. Wenn wir also durch diese Erklärungsversuche keine Antwort auf die Frage nach dem Bösen bekommen, sondern nur Wege es „wegzuerklären“, wie können wir das Problem dann lösen?
Das Böse als solches kann nicht nur aus sich selbst bestehen. Es existiert nur als Schmarotzer des Guten. Nehmen wir zum Beispiel Grausamkeit .Warum sind manche Menschen grausam? Meist aus einem von zwei Gründen: Entweder sie sind Sadisten, das heißt es bereitet ihnen Vergnügen, anderen Schmerzen zuzufügen, oder weil sie irgendetwas davon haben.- Macht, Geld, die Durchsetzung einer Ideologie. „Des Bösen Wurzel ist der Hang zum Egoismus.“ Wie schon der Philosoph Kant erklärte unterliegt der Mensch einem von der Natur gegebenen Antrieb, sich best möglichste Bedingungen zu schaffen. Aber Vergnügen, Macht und Geld sind an sich noch nichts Schlechtes. Für sich allein genommen kann man sie als gut bezeichnen. Schlecht werden sie erst dann, wenn man sie auf falsche Weise erlangen möchte oder übermäßig hinter ihnen her ist. So muss jeder für sich selbst seinen Antrieb im „gesunden“ Maße kultivieren und regulieren.
Du kannst gut sein, nur um des Guten Willen, auch wenn du nichts davon hast, wenn du zum Beispiel dein Leben opferst, um jemand anderen zu retten. Aber niemand war je grausam, nur weil das etwas Negatives ist. Man will damit immer etwas anderes erreichen – Vergnügen oder Macht. Das Gute besteht durch sich selbst, das Schlechte ist etwas verdorbenes Gutes. Den Sadismus kann man als sexuelle Perversion bezeichnen, aber das setzt voraus, dass es „normalen“ Sex gibt, der pervertiert werden kann.
Gut und Böse sind keine gleichwertigen Gegensätze. Das Böse kann ohne das Gute nicht bestehen, aber das Gute kann ohne das Böse existieren. Wir können unser Gefühl für Gerechtigkeit, für richtig und falsch, nicht einfach abschütteln. Einem Stein kann man es nicht vorwerfen, wenn er „die falsche Form hat“. Aber wir empfinden es als gerecht, wenn wir einem Menschen einen Vorwurf daraus machen, dass er nicht so ist, wie er sein sollte, wenn er durch sein Handeln gegen das verstößt, was man als „natürliches Gesetz“ bezeichnen könnte. Dies ist auf den freien Willen, der sich durch die Art der Stellungnahme, des Agierens in einer mir vorgegebenen Situation definiert, der Menschen zurückzuführen. Daher wissen wir, dass Massenmord und Vergewaltigung böse sind und nicht der Ausdruck einer Krankheit. Sie widersprechen und verstoßen gegen einen Maßstab, der höher ist als wir. Es ist wie ein Gesetz das in das Universum eingebaut und in unseren Herzen verankert wurde. „Wenn du von kalt und warm sprichst, so weißt du, was gut und böse bedeutet.“, wie es Waldemar Bonsels in seinem Werk „Narren und Helden“ ausdrückte. Jeder, der kein völlig verträumter Romantiker ist, muss einsehen, dass es das Böse wirklich gibt.