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Schülerwettbewerb 2008 Deutsch, 2. Preis



Den zweiten Preis hat Hendrik Kempt, Jahrgangsstufe 12, mit der folgenden Szene, die er zu Wilhelm Buschs Gedicht „Wenn ich dereinst“ geschrieben hat, gewonnen:

Ein dunkles Zimmer in einem alten Haus am Rande eines Dorfes. Leicht verfallene Regale und ein großer, massiver Schreibtisch prägen das Bild. Ein Fernseher, der Millionen Schneeflocken tanzen zu lassen scheint. Er rauscht leise. Vor ihm in einem vererbten Nierensessel mit rotem Leder, eher schwarz, da verlebt, liegt ein lebloser, bärtiger Mann, ebenfalls verlebt. Licht fällt durch vier kleine Fenster, von denen eins gesprungen ist. Fern Glockengeläut. Auf dem Schreibtisch liegt auf Seite 514 aufgeschlagen „Parerga und Paralipomena I“, ein altes, zerfallenes Buch aus dem Suhrkamp-Verlag. Einige Seiten sind herausgerissen oder von einem gelben Textmarker durchzogen. Der Mann wird von dem leisen Schnurren einer Perserkatze geweckt, die entfernt von ihm auf seinem Bett sitzt und ihn seit einiger Zeit beobachtet.

Der Mann: (schreckt hoch, schaut umher, bis er die Katze erleichtert entdeckt) Ach Madhva, du bist's. (steht auf, während die Katze zu ihm kommt) Es ist doch kein Leben hier, schau umher. Aus faulen Eiern werden keine Küken, das ist doch klar. (gibt der Katze etwas Trockenfutter) Auf dass du glücklich bist! Es ist schon wieder Juni, Madhva, Juni! (reißt ein Blatt vom Kalender ab, der nun den 16. Juni anzeigt) Der Spruch des Tages: „Die Welt ist so geräumig, und der Kopf ist so beschränkt!“ (er sinniert kurz) So ein himmelschreiender Unsinn! Dieser Spruch ist die Verballhornung von zweitausendfünfhundert Jahren Philosophie, die gerade heute unsere größte Hilfe braucht! (wirft wütend den Kalender weg) Damit ist dieser Tag wie jeder andere zuvor auch – Zeitverschwendung! (seufzt, spricht sodann mit der Katze) Haha, du hast auch schon deine ewige Seelenruhe gefunden, ja? Nun Madhva, du trägst den Namen nicht unverdient, als ich dich damals fand, warst du abgemagert und krank, hattest aber noch genug Kraft, mir am Arme eine Wunde zu machen. (das Kirchengeläut endet) Hörst du? Der Ruf der Blinden und Geisterseher verhallt im Baum. (schaut aus dem Fenster, deutet auf die Linde) Der ist aber auch sehr groß geworden, und wie grün er ist! Er versinnbildlicht auf so herrliche Weise meine Einstellung: Werde groß, werde frei, bleibe so. Verlass dich auf niemanden, wie der Baum, dem schadet auch nur jeder. Der Wind ist dem Baume Feind wie die Katze der Maus. Schmarotzer wie die fiesesten Maden und Würmer, Spechte und solche hochsüßen Eichhörnchen nisten ein und erwarten Liebe! (hustet) Ich bin zu alt für so was. (geht umher, sucht etwas) Der Krückstock ist der einzige Freund. Madhva, soll ich es wagen? Soll ich auf die alten, kranken Tage noch einmal das beißende Licht der Welt zu erspähen suchen? (die Katze miaut) Du hast Recht.

Der Mann verlässt das Haus und humpelt durch den Vorgarten, im Hintergrund sind Hochspannungsmasten zu sehen und die Postbotin kommt auf dem Fahrrad angefahren.

Postbotin: (guter Dinge) Guten Tag! Ich bringe ihnen Post, Herr ... Der Mann: (tief) Busch ist mein Name, Busch, Wilhelm. Postbotin: Ach, wie der gute Dichter! (lacht) Den habe ich als Kind schon immer gern ... Der Mann: (laut) Dieser Dichter war so oberflächlich und einfallslos die dieser Baum dort! (deutet wiederum auf die Linde) Stand rum, getan für die Kunst hat er nichts, nein, läutete durch seine kopflosen Karikaturen und herzlosen Bildchen und dummen Sprüchlein die Ära der Oberflächlichkeit ein! Erwischtes Laster verzeiht man eher als erwischte Dummheit! Noch heute
werde ich tagtäglich durch einen Kalender von diesem allzu flachen Geist belästigt. Postbotin: Sie sind ein verbitterter alter Mann, und neidisch! Der Mann: Neid? Was wissen sie schon, was Neid ist! Postbotin: Neid ist die aufrichtigste Form der Anerkennung. Der Mann: (zieht seinen Schuh aus, bereit ihn zu werfen) Verschwinde, falsches Wesen, faules Ei! Aus faulen Eiern werden keine Küken, nur schlechte Mahlzeiten! Postbotin: Ich lasse ihnen wenigstens noch die Post da. (wirft einige Briefumschläge über den Zaun auf die verwilderte Wiese)

Der Mann: Das können sie sich sparen, zum einen ist das sowieso nur Müll, zum anderen sind die Nachrichten mindestens zwei Tage alt, das heißt: Von mindestens vorgestern! (Postbotin ab, pfeift unbekümmert) Der Mann: (blättert flüchtig die Briefe durch) Werbung, Rechnung, für was? Ach, Abwassergebühren! So etwas Hanebüchenes, da könnte man fast aufstehen! (er setzt sich auf die Steinbank) Und der Pfarrer, das ich nicht lache! Als wäre mein Aufstand letztes Weihnachten nicht genug Unheil für ihn gewesen! Ich sagte es und sage es immer wieder: Wer in Glaubensfragen den Verstand befragt, kriegt unchristliche Antworten! (er schaut weiter) Ein Brief von Georg? Georg Friedrich? „Wilhelm!“ Ja, so heiß ich! „Du weißt, ich hatte nie viel für deinen Lebenswandel, für deine Gedanken, deinen Glauben und deinen Charakter über. Kurz: für dich.“ Dies entzückende Lob! (er freut sich) „Jetzt habe ich einige Wochen ohne Unterlass über dich nachgedacht, und das, was du gesagt hast. Und was soll ich sagen? Du hast recht, und deswegen wirst du alleine sein, von nun an. Du wirst nie wieder etwas von mir hören.“ Ich konnte ihn sowieso nicht leiden, diesen Widerling von Philosophieprofessor! Als ich noch im Dienst war, war ich wenigstens zu Diskussionen bereit, er versteckte sich bloß in seinem aufgeblähten Idealismus und delektierte sich an Schillers Wahnsinn! „Wie soll ich diesen kurzen Brief beenden? Ich will nicht, dass du wohl lebst, daher: Lebe, lebe bis du stirbst, oder, ums mit Kierkegaard zu reden: Ich wünsche dir die Krankheit bis zum Tode!“ Rhetorischer Weichkäse, über den ich nur lachen kann, das sollte er eigentlich wissen! (trotz dieser Worte nachdenklich, in sich gekehrt) Es war ein falsches Leben, das ich führte, falsch wie alles um mich herum. Systemzugehörigkeit führt zur Oberflächlichkeit. Ich habe nie dazugehört! Ich kann mit reinem Gewissen sagen, dass ich mich gut verhalten habe! Seine Silbenstechereien haben meine Studenten so beeindruckt, dass ich verlassen wurde: Recht so! Ich bin nicht verstanden worden, er dafür falsch. (er schüttelt den Kopf) Ich kann kein „Oder“ oder „Vielleicht“ in meinem Kopf zulassen, das wäre Selbstverrat und die Erklärung der Sinnlosigkeit meines Lebens – seines ebenso, deswegen musste das kommen. „Vielleicht“ ist ein schlauer Krebs, der vor- und rückwärts gehen kann. Recht so, ich konnte seine oberflächlichen Witze und seinen gedankenlosen Umgang mit den heiligen Begriffen der Philosophie sowieso nicht ausstehn! Alleine denkt es sich immer noch am reinsten.

(stützt sich auf seine Krücke, schreibt mit ihr gedankenverloren etwas in den Sand, steht danach auf, schaut emotionslos in die Welt, auf die Hochspannungsmasten, den Zug am Horizont, die Postbotin am nächsten Haus, wie sie gerade über die Begegnung mit ihm plaudert, zuletzt auf die Linde, jenen großen Baum, den er hasst und liebt zugleich. Seine Mundwinkel hängen, er senkt sein Haupt, zwei Tränen treffen den Boden. Die Krücke zittert leicht beim Voranschreiten, bis er im Haus verschwindet. Madhva miaut leise. Im Sand steht geschrieben: Sit tibi terra levis!)

Wilhelm Busch

Wenn ich dereinst

Wenn ich dereinst ganz alt und
schwach, Und's ist mal ein milder
Sommertag, So hink ich wohl aus dem
kleinen Haus Bis unter den Lindenbaum
hinaus. Da setz ich mich denn im
Sonnenschein Einsam und still auf die
Bank von Stein, Denk an vergangene
Zeiten zurücke Und schreibe mit meiner
alten Krücke Und mit der alten zitternden
Hand So vor mir in den Sand.