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Schüler werden zu Sozialpraktikanten



Heraus aus der Schulbank, hinein ins Leben, das sich nicht nur auf der Sonnenseite abspielt – diesen Weg geht das „Compassion-Projekt“, das das St. Ursula Gymnasium mit seinen Zehntklässlern in diesem Jahr zum 5. Mal durchführt.
Religionslehrer Henner Maas ist voll des Lobes über die große Bereitschaft, mit der die kooperierendenden ca. 70 Einrichtungen in und um Dorsten herum die Schulpraktikanten aufnehmen: „Trotz der Zeitknappheit nehmen die Mitarbeiter die Zusatzarbeit, die mit der Aufnahme eines Praktikanten verbunden ist, gerne auf sich“, sieht der Projektbetreuer diesen Einsatz nicht als selbstverständlich an.
Zweiwöchiges Sozialprojekt
Das Altenzentrum Maria Lindenhof, das Anna-Stift, die Werkstatt für behinderte Menschen, die Caritas und andere Dorstener Einrichtungen stellen sich für das zweiwöchige Sozialprojekt immer wieder zur Verfügung. Aber auch außerhalb der Stadtgrenzen – im Hospiz Recklinghausen oder einer Behindertenwerkstatt in Bottrop-Nord – können die Sozialpraktikanten das „Mitfühlen“, wie „Compassion“ sinngemäß übersetzt werden kann, lernen.
Wunsch-Schwerpunkte
Dabei dürfen die Schüler ihre Wunsch-Schwerpunkte aus den fünf Teilbereichen – Alten-, Kranken- und Behindertenhilfe, allgemeine Soziale Dienste oder chronisch psychisch kranke Menschen – wählen. „Meistens klappt es mit der 1. Wahl“, weiß Henner Maas, der die rund 125 Schüler erst auf die Einrichtungen „loslässt“, wenn sie gut über das informiert sind, was sie dort erwartet. „Ehemalige Compassion-Praktikanten aus der 11 berichten von ihren Erfahrungen. Außerdem versuchen wir in vorbereitenden Workshops ängste und Bedenken abzubauen“, erläutert Henner Maas, der zusätzlich auch Vertreter der einzelnen Einrichtungen in die Schule einlädt.
Wertvolle Erfahrungen
Am Dienstag waren Norbert Feldmann und Hermann Brinkmann zu Gast, die den Zehntklässlern die Arbeit in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen (Rheinbabenwerkstatt) und einer Einrichtung der Wohnungslosenhilfe (Haus Maria Veen) nahe brachten. Doch die wahren, wertvollen Erfahrungen erschließen sich nicht aus der Theorie, sondern der Praxis: „Die Schüler sind manchmal richtig erstaunt über das Leid, das sie in ihrer Lebenswirklichkeit bislang noch gar nicht so wahrgenommen haben“, berichten die Lehrer über den nachhaltigen Eindruck, den „Compassion“ bei den Jugendlichen auslöst.

(Quelle: Dorstener Zeitung, 10.02.2010)

Das Mitfühlen lernen - 70 Einrichtungen machen mit




Endlich mal ein Mann im Haus: Rouven Bamberger, der sein zweiwöchiges Sozialpraktikum im Kindergarten Wittenbrink absolviert, steht bei den Jungen und Mädchen hoch im Kurs. Korczak-Schule statt St. Ursula-Gymnasium: Saskia Heming sammelte dort tolle Erfahrungen.
Beim "Compassion-Projekt" machen alle Zehntklässler des St. Ursula-Gymnasiums ein zweiwöchiges Sozialpraktikum, im Kindergarten, im Altenheim oder in einer Förderschule.
"Compassion" bedeutet die Fähigkeit, mit anderen mit zu fühlen und genau das will das Gymnasium St. Ursula mit seinem "Compassion-Projekt" erreichen: die Schülerinnen und Schüler für eine Lebenswirklichkeit öffnen, die normalerweise nicht die ihre ist.
Und so wurde bereits im vergangenen Jahr das zweiwöchige Sozialpraktikum verpflichtend für alle Zehntklässler eingeführt. "Compassion" beschreibt eine innere Wertehaltung, sagt, dein Schicksal lässt mich nicht kalt und fordert zum Handeln heraus - geradezu ein Muss für eine katholische Schule, zumal die Erfahrungen im vergangenen Jahr sehr positiv waren.
Bei einem Vorbereitungstag waren den Schülern diesmal verschiedene Einrichtungen vorgestellt worden. Sie konnten sich ihren Einsatzort nicht selber aussuchen, aber die grobe Richtung vorgeben: Arbeit mit Kindern, mit Senioren oder mit Erwachsenen in einer Beratungsstelle.
Für die Arbeit mit Kindern hatte sich Saskia Heming entschieden, die an die Korczak-Schule kam. An der Förderschule wurde die 16-Jährige mit offenen Armen empfangen und war sofort ganz begeistert. Die Gemeinschaft der Schüler untereinander sei hier ganz anders als an ihrer Schule, berichtet Saskia: "Jeder kennt jeden und alle gehen freundlich miteinander um." Sie ist der Klasse von Josy Rentmeister zugeteilt, die acht Kinder aus dem 1. bis 3. Jahrgang unterrichtet, und ist überrascht, wie sehr die Kleinen von den Großl;en lernen und sich alle untereinander helfen.
Die Schülerin betreut morgens die Kinder, die ihren Schultag zwischen 8 und 8.30 Uhr mit einem gemeinsamen Frühstück beginnen. Auch während des Unterrichts gibt sie schon mal Hilfestellung und beim Sportfest war sie auch fest mit eingeplant. Lehrerin Josy Rentmeister begrüßt das Sozialpraktikum sehr, ist es doch auch eine Gelegenheit, eine positive Innenansicht ihrer Schule nach außen zu tragen.


Mit Kindern hat auch Rouven Bamberger zu tun, der sein Praktikum nur ein paar Meter weiter im evangelischen Wittenbrink-Kindergarten absolviert und von den Kleinen gleich als Spielkamerad voll vereinnahmt wurde.
Ulli Scherer, Leiterin des Kindergartes, ist ganz besonders froh, dass ihr das Praktikum einen männlichen Mitarbeiter ins Haus brachte, denn die gibt es im Kindergarten eigentlich viel zu selten.
Und so steht Rouven bei den Mädchen und Jungen als männlicher Part beim Freispiel hoch im Kurs und nicht zuletzt beim Toben ist er als Partner sehr gefragt. Bewegung wird in dem Kindergarten sowieso ganz großl; geschrieben. Die Dreigruppen-Einrichtung arbeitet integrativ, es werden auch behinderte und entwicklungsverzögerte Kinder aufgenommen.

124 Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 10 des St. Ursula-Gymnasiums absolvieren noch bis zum 15. Juni ihr Praktikum. Dafür hat die Schule rund 70 Einrichtungen aus Dorsten und Umgebung als Partner gewinnen können. Neben Förderschulen und integrativen Kindergärten sind auch Einrichtungen der Alten-, Behinderten- und Krankenhilfe dabei sowie allgemeine soziale Dienste.


Quelle: WAZ 12.06.2007  


 

„Was ich erfahren habe, zählt“ - Kann man Mitgefühl erlernen?




Soziale Arbeit, freiwilliges Engagement, Hilfsbereitschaft: Menschen, die diese Eigenschaften mitbringen, tragen unsere Gesellschaft mit ihrem Einsatz.
Das St. Ursula-Gymnasium hat deswegen das Projekt „Compassion“ Mitgefühl, ins Leben gerufen: Junge Menschen hospitieren für zwei Wochen in einer sozialen Einrichtung, um den Alltag dort kennen zu lernen und sich einzubringen. Hier werden mindestens zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Die Praktikanten und Praktikantinnen bekommen praxisnahe Einblicke in bestimmte Berufe, gleichzeitig greifen sie dem Personal so gut sie können unter die Arme. „Die soziale Wirklichkeit erschließt sich eben nur über die Praxis.“ Henner Maas, Religionslehrer am St. Ursula-Gymnasium, ist überzeugt: „Das Praktikum bedeutet Lernen mit offenen Augen, mit Hand und Herz.“ Seit vergangenem Jahr gibt es das Compassion-Projekt am St. Ursula-Gymnasium. Alle Schülerinnen und Schüler der 10. Klassen müssen daran teilnehmen, in diesem Jahr wurden 124 Jugendliche 70 Einrichtungen zugeteilt. Pflichtpraktikum - allein bei dem Wort kräuseln sich bei vielen Schülern die Fußnägel. Schließlich leisten die Zehntklässler ihren „Dienst“ zusätzlich zum Berufspraktikum und sind damit zwei Wochen länger im Einsatz als ihre Mitschüler an anderen Gymnasien. Doch trotz des Pflichcharakters des Compassion -Projektes haben sich die Jugendlichen ohne Klagen der Herausforderung gestellt: „Es hat kein Gemopper gegeben. Das rechne ich den Schülern hoch an“, sagt Henner Maas nicht ohne Stolz. Die diesjährigen Praktikanten des St. Ursula-Gymnasiums konnten sich ihre Stelle nicht aussuchen. Damit aber Interessen und Möglichkeiten bei der Entscheidung nicht außen vor blieben, haben die Jugendlichen im Vorfeld Wünsche angegeben. „Wir haben die, so gut es ging, berücksichtigt“, so Maas. Trotzdem: Einige Schüler mussten ganz schön weite Wege zurücklegen, sogar nach Duisburg pendelte ein Praktikant jeden Morgen mit der Bahn. Henner Maas ist vom Sinn des Compassion-Praktikums überzeugt: „Was ich erfahren habe, zählt.“



Aufmerksamkeit als Geschenk


Mendy Stoll und Carola Steentjes hospitieren in der Villa Keller



Ins „Compassion“-Abenteuer haben sich auch Carola Steentjes und Mendy Stoll, beide 16 Jahre alt, gestürzt. Für zwei Wochen gehörten die beiden Mädels fest zum Team in der Villa Keller, einem Wohnheim für Menschen mit Behinderungen. Für Carola und Mendy stand die Villa Keller auf der Praktikums-Wunschliste. Trotzdem: Am ersten Arbeitstag hatten die Freundinnen ein mulmiges Gefühl: „Wir beide hatten Angst, weil wir nicht wussten, wie man mit den Leuten umgehen muss“, sagt Mendy. „Aber das lernt man mit der Zeit.“


Skepsis ist verflogen.
Als die Schülerinnen zu ihrer ersten „Schicht“ in der Villa Keller antraten, waren die Bewohner gerade auf der Arbeit. Eine gute Gelegenheit für das Villa-Keller-Team, die Hospitantinnen bei einem kleinen Rundgang durchs Haus auf ihren neuen Wirkungsort einzustimmen. In der Villa Keller leben 24 Menschen mit Behinderungen, teilweise sind die Bewohner schwerst mehrfachbehindert. Trotzdem geht die Truppe jeden Morgen zur Arbeit in die Werkstatt nach Wulfen, schon um 6.45 Uhr geht‘s für die Bewohner los. In ihrer Frühschicht (7 bis 13.30 Uhr) hatten die Praktikantinnen Carola und Mendy also keinen Kontakt mit den Villa-Keller-Bewohnern. Dann standen für sie Dinge wie Wäsche verteilen oder Kochen auf dem Plan. Ganz anders gestaltete sich für die beiden die Spätschicht (12.30 bis 20 Uhr). Hier haben sich die Mädels intensiv mit den Bewohnern beschäftigt, auch wenn ihnen das anfangs gar nicht so leicht viel. Doch auf beiden Seiten war das Eis ganz schnell gebrochen: „Die Leute sind total nett. Sie umarmen einen ganz oft und gehen ehrlicher mit Gefühlen um“, so Carola. Auch Mendy konnte ihre anfängliche Skepsis schnell über Bord werfen: „Ich hätte vorher nicht gedacht, wie unterschiedlich die Leute sind. Man darf sie auf keinen Fall unterschätzen.“
Zeit ist knappes Gut.
Christian Noack, Dipl. Sozialpädagoge in der Villa Keller, hat sich über den Einsatz der beiden Hospitantinnen sehr gefreut. Schließlich ist auch in „seiner“ Einrichtung die Zeit häufig knapp. „Was mit der Pflege verloren geht, haben die beiden ein bisschen ausgeglichen.“ Auch Mendy und Carola ziehen ein positives Fazit: „Ich wollte wissen, was dahinter steckt, und das weiß ich jetzt ein bisschen“, sagt Mendy. Ihre Freundin Carola wird deutlicher: „Hut ab vor den Leuten, die das hier machen. Ich traue mir das nicht so zu.“



„Das ist eine Gratwanderung“


Im Haus Lea, einer Einrichtung für psychisch Kranke, hat Svenja Grefer tatkräftige Unterstützung geleistet Dorsten. Svenja Grefer hat ihren Schulalltag für zwei Wochen gegen das Leben in einer Einrichtung für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen getauscht. Die 16-jährige Schermbeckerin besucht eigentlich die 10. Klasse des St. Ursula-Gymnasiums. Mit psychisch Kranken hatte sie bisher noch nicht zu tun. Daher bekam Svenja an ihrem ersten Tag im Haus Lea ein bisschen Muffensausen: „Meine ängste waren, dass die Bewohner mir nichts erzählen wollen.“
Den Tag strukturieren.
Svenjas Arbeitstag im Haus Lea begann schon um 8 Uhr. Nach dem Frühstück erledigte die 16-Jährige mit den Bewohnern ganz alltägliche Dinge: Einkaufen, Spazierengehen oder Zeitungslesen standen auf dem Plan. Im Haus Lea wohnen zur Zeit zehn psychisch kranke Personen zwischen 20 und 70 Jahren, es gibt zusätzlich drei Plätze in Außenwohngruppen. Maria Siwy, Diplom-Psychologin und Gruppenleiterin, kennt die Probleme der Bewohner: „Sie haben Schwierigkeiten, ihren Tag zu strukturieren. Er erscheint für sie wie ein Berg, der nur schwer zu bewältigen ist.“ Was für die erfahrene Psychologin Alltag ist, war für Svenja echtes Neuland. Zu Beginn ihres Praktikums wusste die Schülerin nicht so recht, wie sie sich den Bewohnern nähern sollte. Ihre B erührungsängste legte sie dann aber schnell ab: „Man kann sich ganz normal unterhalten.“Trotzdem: Einfach ist die Arbeit in einem Wohnheim für psychisch Kranke sicher nicht. „Das ist eine Gratwanderung“, so die Psychologin Siwy. „Wir wollen die Menschen in ihre Welt begleiten. Aber ihr Verhalten ist nicht immer vorhersehbar.“ Profis wie Maria Siwy kennen ihre „Schützlinge“ meist gut genug, um zu wissen, was sie tun und vor allem nicht tun dürfen. Zuviel Spontaneität oder unvorhersehbare Ereignisse müssen in der Regel vermieden werden, die Bewohner brauchen vertraute Abläufe. Auch Praktikantin Svenja musste sich den Bewohnern äußerst behutsam nähern. Nach Angaben ihrer Chefin hat sie das sehr gut gemeistert - und noch dazu viel gelernt: „Svenja hatte im Praktikum die Gelegenheit, psychisch kranke Menschen kennen zu lernen und ihre Entwicklung nachzuvollziehen.“ Auch die Praktikantin selbst ist zufrieden mit ihrer Hospitanz im Haus Lea: „Ich finde die Arbeit hier sehr interessant.“ Eine spätere Laufbahn als Psychologin möchte sie nicht ausschließen, doch das nächste Etappenziel ist jetzt erstmal das Abi.


Quelle und mit freundlicher Genehmigung: Dorstener Zeitung (21. Juni 2007)